Uganda Reise

1. Reisebericht 2016

Reisebericht zu unserem Uganda-Projekt vom April 2016

Meine erste Begegnung mit Afrika war im Jahre 2014, als ich mit meinen Berufskollegen aus Deutschland zu einem Treffen und Erfahrungsaustausch der internationalen Reetdachdecker in Südafrika war. Dort gibt es viele Gebäude, die mit Reet oder Afrikagras bedeckt sind. Aber auch zigtausende Blechhütten. Diese Blech-Behausungen so vieler Afrikaner bei den sehr heißen Temperaturen erschien mir ein Graus. Aber wenn man nichts anderes hat und damit aufgewachsen ist….

Im Juli 2015 erreichte mich ein Anruf von Luisa Natiwi. Die Uganderin berichtete mir von ihrem Land und ihrem Vorhaben, für ihr Land etwas bewirken zu wollen. Für mich würde es bedeuten: sie sucht Reetdachdecker, die in ihrem Land helfen würden. Vor dem Hintergrund der Flüchtlingswelle und der Bilder von Südafrika lauschte ich ihren Ausführungen und erklärte mich zu einem persönlichen Gespräch bereit.

Sie überreichte mir bei diesem Treffen dafür als Dank ihr Buch „Rote Erde – weißes Gras“. Es ist ihre eigene Autobiografie. Dieses Buch hatte ich in kurzer Zeit durchgelesen. Es war fesselnd und bildhaft geschrieben. Danach wuchs in mir die Bereitschaft, in Luisas Geburtsland zu helfen. Es betrifft das Gebiet Karamoja, hoch oben im Nordosten Ugandas, an der kenianischen Grenze gelegen.

Mit meinen Innungskollegen habe ich über dieses Vorhaben gesprochen. Ich konnte mir vorstellen, drei junge Männer aus Uganda nach Schleswig-Holstein zu holen, die hier ihre Ausbildung zum Dachdecker, Fachrichtung Reetdachtechnik absolvieren, wie jeder andere Dachdecker-Azubi auch. Auch meine Stellvertreterin, Katrin Jacobs und mein Lehrlingswart, Rolf Feddersen, erklärten sich bereit, einen Ausbildungsplatz anzubieten. Die Landesberufsschule der Dachdecker in Lübeck wurde auch informiert. Nach der Ausbildung sollen die drei jungen Leute zurück nach Uganda. Mit einem oder zwei meiner Mitarbeiter fliege ich fünf Jahre lang einmal im Jahr nach Uganda und versuche dieses Vorhaben vor Ort zu unterstützen.

Diesen Plan besprach ich mit Luisa, die sofort begeistert war. Der Honorarkonsul für Uganda, Prof. Dr. M. Dietrich sicherte uns die ideelle Unterstützung Ugandas nach zwei Treffen zu. Finanziell allerdings kann Uganda, das zu den 16 ärmsten Ländern der Welt gehört, leider nicht helfen.

Drei junge Männer wurden in Uganda ausgesucht, die jetzt deutsch lernen sollten. Es hat keinen Sinn, ohne Deutschkenntnisse nach Deutschland zu kommen. Auf dem Bau lässt sich das für einen Helfer noch bewerkstelligen, aber in der Schule ist man fast chancenlos, wenn man dem Unterricht nicht folgen kann.

Nach weiteren Gesprächen war es im März 2016 soweit: meine Frau und ich flogen nach Uganda. Mein Bruder brachte uns nach Hamburg zum Flugplatz. Auf dem Weg dorthin hörten wir in den Nachrichten von dem Anschlag auf den Flugplatz in Brüssel…

Unser Flug war über Istanbul gebucht. Um 11.30 Uhr startete der Flieger. Um 3.55 Uhr waren wir in Entebbe.

Ein Boßelkamerad aus meinem Nachbardorf, Rainer Holst, hatte sich vor 10 Jahren ein Ressort in der Nähe von Jinja in Uganda aufgebaut. Mit Rainer hatte ich auch mehrere Gespräche über mein Projekt in Uganda geführt. So wurden wir von Rainers Fahrer abgeholt und zum Ressort „the Haven“ gebracht. Nach drei Stunden Schlaf frühstückten wir mit Rainer.

Traumhaft schön gelegen mit Blick auf den hier gut 1 km breiten weißen Nil. Sein Ressort mit mehreren Lodges und zum Teil reetgedeckten Bungalows liegt am westlichen Ufer einige Meter erhöht. Rainer hat eine eigene Stromversorgung. Das Ressort ist nach deutschem Muster erbaut. Alles sehr sauber und gepflegt, auch mit Swimming-Pool. Bei hervorragendem Sommerwetter genossen wir diese zwei Tage richtigen Urlaubs.

Danach wurden wir nach Kampala gefahren, der Hauptstadt Ugandas. Hier trafen wir mit Luisa zusammen, die vier Tage vorher angereist war. Nach einer weiteren Übernachtung mieteten wir einen Geländewagen mit Fahrer und machten uns auf den etwa 560 km langen Weg. Je weiter wir von Kampala und Jinja weg kamen, umso dörflicher wurde die Gegend. Die Hälfte der Wegstrecke waren Schotterpisten, einzelne Löcher so tief, daß nur im Schritttempo gefahren werden konnte. Der Staub und die Hitze machten uns außerdem zu schaffen. Nach 11 Stunden waren wir am Zielort.

Der Empfang von Luisas Bruder und Familie, sowie Luisas 90-jähriger Mutter waren schon herzlich zu nennen. Hier lernten wir auch Bosco und Ben kennen, zwei von den jungen Männern, mit denen wir zusammen arbeiten wollten. Die Landesprache ist englisch. Aber in vielen Gegenden, wie in Karamoja wird Suaheli und Karamojong gesprochen. Deutsch kann hier kein Einheimischer. Insofern sind die Deutschkenntnisse unserer drei möglichen Auszubildenden auch sehr schlecht.

Weiter fuhren wir zum Moroto Hotel, was unsere Bleibe für die nächsten Tage wurde. Ein sauberes Hotel, eines der besten Anlagen in Moroto. Das Frühstück bestand jeden Morgen aus Toastbrot, Butter, Marmelade, entweder gekochtes Ei oder Rührei oder Omelett, dazu Kaffee, Tee oder Milch, sowie Bananen und ab und zu Ananas, kein Käse oder Wurst.

Beim Mittagessen, das von Luisa gekocht wurde, dominierte Reis und Fleisch. Beim Abendessen konnten wir aus einer kleinen Speisekarte etwas auswählen. Alles wurde frisch hergestellt und dauerte auch etwa 45 bis 60 Minuten. Auch hier dominierten Reis und Nudelgerichte. Es hat alles gut geschmeckt.

Natürlich hatten wir alle gesundheitlichen Vorsichtsmaßnahmen getroffen, hatten Impfungen nachgeholt und hatten auch Malarone Tabletten gegen Malaria dabei. Dennoch hatten wir uns unterwegs etwas eingefangen. Die nächsten zwei Tage hatten Rita und ich ein Magen-Darm-Problem. Dann aber war es überstanden.

Die Reeternte war leider schon gelaufen. Reetflächen, die nicht abgeerntet wurden, werden in Uganda abgebrannt, damit im kommenden Jahr alles frisch ist. So entschlossen wir uns, Reet zu kaufen.
So fuhren wir durch die Gegend und trafen auf einen Verwandten von Luisa (in Uganda ist es ähnlich wie bei uns in Deutschland: irgendwie sind alle miteinander verwandt). Alfred half uns, Reet zu kaufen und würde uns dieses auch anliefern.

1000 solcher Bunde kauften wir, wohl wissend, dass hier viel Gras und Unrat enthalten ist. Jetzt sollte eine Lagerhalle auf dem Gelände von Luisas Familie entstehen.

Doch zuvor besuchten wir noch eine Schule. Mehrere Kinder sind auch Waisenkinder. Mit großer Freude wurden die mitgebrachten Kleidungsstücke verteilt und empfangen.

Eine Schulpflicht gibt es in Uganda nicht. Im Gegenteil: wer sein Kind zur Schule gibt, muss dafür sogar Geld bezahlen.

Ein Euro ist dort etwa 3700 Schilling wert. Einige fahren ein Moped und nehmen dieses auch für gelegentliche Taxifahrten, um etwas Geld zu verdienen. Überhaupt leben die Menschen hier mehr von „Hand in den Mund“. Kranken- Renten- und Arbeitslosenversicherungen kennen sie nicht. Wenn jemand krank ist, dann muss die Familie helfen.

Erst jetzt wird in Moroto ein Krankenhaus von den Iren aufgebaut. Das nächste große Krankenhaus wäre in Kampala, als 560 km weit weg.

In Karamoja leben etwa 80 % Nomaden. Diese leben hauptsächlich von Viehzucht und etwas Ackerbau. Allerdings ist Dünger in Fremdwort. Wenn die Erde ausgelaugt ist, dann ziehen sie nach vier oder fünf Jahren weiter. Das Land ist groß genug. Solange halten auch Dabei ist auffällig: die Männer sind für das Vieh und den Ackerbau zuständig. Auch darf ein Mann mehrere Frauen haben.

Die Frauen teilen sich alle weiteren Arbeiten: Wasserbeschaffen in 30-Liter-Kanistern, die Verpflegung der Familie, der Kinderbetreuung, sowie auch den Bau der Behausungen. Die Lasten tragen die Frauen auf dem Kopf, auch 30-Liter-Kanister, hinzu kommt bei einigen noch ein Baby, welches in einem Tuch auf dem Rücken getragen wird. Die Väter versprechen ihre Töchter an Interessenten, die als Gegenwert 10, 12 oder mehr Kühe für ein heiratsfähiges Mädchen bieten. Meistens sind diese zwischen 16 und 18 Jahre jung.

In der Zeit, wo wir in Moroto waren, haben wir nicht einmal unfreundliches gehört. Immer war man hilfsbereit und es wurde viel gelächelt.

Jetzt begannen die Arbeiten für unsere Lagerhalle. Zuerst wurde Holz gekauft. Luisas Bruder war dabei eine große Hilfe. Einige Ugander sehen weiße Urlauber mittlerweile auch als Geldquellen an. Das Holz wurde durchsortiert und dann auf einen LKW geladen.

Auf unserem Lagerplatz begannen wir mit dem Auswinkeln einer 8 x 10 m großen Halle.

Das wurde unser Handwerkszeug: eine Bügelsäge, eine Eisensäge, ein Brecheisen, zwei Hämmer, drei Eisenstangen, ein großes Messer, des Weiteren eine selbst gefertigte Leiter von ca. 3 m und eine von ca. 2 m, als weiteres Gerüst fungierte ein altes Metallfass (wenn ich da an unsere Bauberufsgenossenschaft denke…).

Mit den Eisenstangen wurde die sandige und lehmhaltige Erde aufgepickert, mit den Händen aus den Löchern herausgeholt. Waren die Löcher ca. 80 cm tief, wurde ein auf 3 m gekürzter Pfahl in das Loch gestellt und das Loch wieder mit Erde verfüllt. Alle etwa 40 cm ein Loch und ein Pfahl. Für die Dachkonstruktion besorgte ich Latten und Doppellatten, die gesägt waren. Die waren zwar um einiges teurer, waren aber wenigstens gesägt.

Nach fünf Tagen war unsere Lagerhalle fertig. Zwischendurch hatte es auch noch heftig geregnet.

Jetzt begannen wir mit den eigentlichen Lagerflächen für unser Reet, wovon die erste Lieferung auch bevor stand. Wieder wurden Löcher gebuddelt, 30 cm tief. Hölzer wurden auf ca. 80 cm Länge geschnitten und dann in die Löcher gestellt. Auf diese Hölzer wurden dünnere Rundhölzer genagelt. 

Hierauf wurden Bambusstangen lose drauf gelegt. Hierauf soll unser Reet lagern. Das Wasser kann unterdurch fließen. Die Wände sollen nachträglich mit Bambusstangen und Lehmverputz versehen werden.

Die erste Ladung Reet: 413 Rohbunde.

Bis zu unserer Rückfahrt haben wir 100 Bunde mit ca. 60 cm Umfang fertig gestellt. Die Ware ist gut und wird eine gute Lebensdauer haben.

Das erste gesäuberte und nachgetrocknete Reet liegt hier vorne. Das zu bearbeitende Reet noch dahinter.

Nach Feierabend haben wir uns einen Termin bei der GIZ (Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit GmbH) bekommen. Wir wollten erfahren, ob es Möglichkeiten gibt, dass unsere drei jungen Mitarbeiter weitere Deutschkenntnisse vermittelt bekommen können, oder ob wir zu unserem Vorhaben finanzielle Zuschüsse beantragen können. Leider wurde uns beides negativ beschieden.

Am Mittwochmorgen um 7.00 Uhr begannen wir unsere Rückreise mit dem 20-Personen-Bus nach Kampala. Rita und ich saßen direkt hinter dem Busfahrer. Schnell fiel uns auf: der Fahrer kennt kaum die Bremse, dafür aber die Hupe umso mehr. Fußgänger, Fahrradfahrer oder Mopedfahrer wurden von weitem „weggehupt“. Mit teilweise über 80 km/h „bretterte“ er über die holperigen Wege. Mitunter mutmaßten wir, dass unsere Koffer oben auf Dach nicht überleben könnten. Hat aber alles geklappt.

Nach 11 Stunden waren wir in Kampala. Dann ging es mit einem Taxi etwa 130 km weiter nach Entebbe. Dort hatten wir einen kleinen Stopp bei einem Onkel von Luisa, dem das AERO-Beach Hotel gehört. Dort bekamen wir ein gutes Essen und konnten uns frisch machen. Um 1 Uhr wurden wir zum Flugplatz gebracht. Um 3 Uhr war der Start, um 10.15 Uhr die Landung in Istanbul. Leider hatten wir 5 Stunden Aufenthalt, aber dann kam der Rest nach Hamburg, wo wir um 17.45 Uhr eintrafen. Mein Bruder holte uns wieder ab und um 19.40 Uhr waren wir wieder zu Hause.

Das sind unsere designierten Auszubildende für 2016, die gute Arbeit geleistet haben, von links nach rechts: Ben, Abraham und Bosco

Was muss weiter in die Wege gebracht werden:
Bosco, Ben und Abraham reinigen weiterhin die Reetbunde, Die Wände werden noch verkleidet. Dann müssen die Jungs nach Kampala zum Goethe-Institut, um deutsch zu lernen. Der Unterricht, sowie die Fahrt, Unterbringung und Verpflegung kosten Geld.

Der Flug nach Deutschland, sowie auch hier die Unterbringung und Verpflegung kosten Geld. Im 1. Ausbildungsjahr erhalten sie 600 € brutto, davon bleiben etwa 500 € netto übrig. Das reicht nicht. Außerdem sind da noch die Internatsgebühren von etwa 1200 € pro Ausbildungsjahr.

Nicht angesprochen sind die Kosten, die mir entstanden sind und weiter entstehen. Wir haben den Flug, die Fahrtkosten, die Unterkünfte in Uganda, die Verpflegung selber bezahlt, sowie alle Materialen und Lohnkosten in Uganda bezahlt. Das werde ich nicht jedes Jahr leisten können. Zumal ich im Januar mit einem oder zwei Mitarbeiter runter fliegen will. Auch dann werden wir wieder Reet und Bindematerialien für Musterdächer kaufen.

In drei Jahren sollen die Jungs ihre Gesellenprüfung geschafft haben. Dann sollen sie nach Uganda zurückkehren und dort weitere Gebäude errichten bzw. eindecken. Wir werden sie noch zwei Jahre weiter unterstützen. Dann sollen sie auf eigene Füße stehen können. Vielleicht gelingt es uns außerdem, eine Handwerkerschule mit anzuschieben.